zufälliges zuhause, unausweichliches zuhause
den juni 2001 verbringe ich in einer schriftstellerkolonie im umland von new york. ich bin in der fremde, doch zu hause. an einem ort, wo es eine ehre ist, schriftsteller zu sein. der aufenthalt hier hat in mir die verpflichtung verstärkt, mein talent als berufung wahrzunehmen. als verpflichtung gegenüber den menschen, die an die macht des geschriebenen wortes glauben und mich in ihre mitte nur eingeladen haben, damit ich, geschützt vor der belastung von kreuzweise wirkenden praxen, ein neues buch schreiben kann.
ich bin in einem holzhäuschen inmitten einer sanften berglandschaft mit gezähmtem wald und sorgfältig gemähten lichtungen untergebracht, fern von der landstraße und noch weiter weg von jeder siedlung. in meinem zimmer gibt es nichts außer schreibtisch, stuhl, bett mit nachtkästchen und einem kleinen einbauschrank. ich bin eingeladen, mich zum abendessen zu den anderen zu gesellen, doch dazu nicht verpflichtet.
es gibt nichts, was mich beim entziffern der zeichen stören könnte. jener zeichen in der erinnerung, hinter die nur gedanken, frei und eigenständig, kommen können. der duft des holzes umgibt mich wie ein mit zuneigung gefülltes becken, er schafft abstand zwischen den drechselbänken des alltags und meinem kreativen zittern und verwandelt es zum schwirren von schmetterlingsflügeln.
danke, francis, david, kathleen&peter dafür, dass ihr mir die tür zu dieser welt geöffnet habt.
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ein vierteljahrhundert früher war auch mein ursprüngliches zuhause eine solche welt.
nach holz duftete das dachzimmer meines freundes vito, gefüllt mit möbeln seiner vorfahren, mit von ihm als knaben gesammelten mineralien, aber auch mit büchern und platten, die nicht nur sein und mein bewusstsein mitgeprägt haben, sondern auch das eines ganzen kreises von freunden, für die dieser raum ein wichtiger treffpunkt war. bosnische kelims und italienische fliesen schufen die verbindung zwischen diesem zimmer und anderen räumen des hauses, das von der bürgerlichen tradition der familie zeugte, die vor den sozialistischen zeiten eine fabrik für sportgeräte ihr eigen nennen konnte. im haus gab es weinkeller, esszimmer und salon; letzterer war mit geschirr, skulpturen, gemälden und anderem zierrat überfüllt, als wären die stürmischen kapitel der ortsgeschichte nach dem zweiten weltkrieg spurlos an ihm vorbeigegangen. vitos kleines dachbodenzimmer wurde allerdings davon überhaupt nicht berührt. die musik, die wir dort hörten, stammte aus übersee, die bücher, über die wir dort diskutierten, waren ein bruch mit der tradition.
wenn ich in dieses zimmer trat, werkelte vito meist in der dunkelkammer nebenan. die fotografie war auch ein teil der familienüberlieferung, in unseren mittelschuljahren außerdem auch die art und weise, die dinge um uns zu beobachten. heute habe ich das gefühl, dass vito die antennen auf der dachterrasse meines wohnblocks gerade zu jener zeit aufgenommen hat, als wir uns kennen gelernt haben. wenn ich mich nicht täusche, sind es genau die antennen, die an der stelle angebracht sind, von der ich das fenster seines dachzimmers sehen konnte.
wo immer wir auch hingingen, immer hatten wir unsere fotoapparate mit: die besten hatten vito und dado, irgendwie in der mitte war die ausstattung von marincelj und weiss anzusiedeln, ich musste mich mit der dürftigen zufrieden geben. wir nahmen alles auf: türen, türen und immer wieder türen, eisenbahnschweller, die toiletten im hotel „pugled“ , die schaufenster des kaufhauses nama, die kanonen vor dem ¹e¹kov dom, die fabriken tekstilana, itas, oprema, die mölkerei, den steinbruch, den im bergwerktagebau entstehenden see und die langsam zusammenfallende tribüne auf dem spotplatz und nicht zuletzt auch einander. als würden wir mit diesen aufnahmen das uns gehörende territorium abstecken.
das auge des fotoapparates empfanden viele von uns als verlängerung der anderen sinnesorgane, mit denen wir uns ins leben vortasteten. dado und marincelj malten. weiss machte musik. die literatur war so wie mir auch brane und rem¹ko eine stütze. von zeit zu zeit machte der eine oder andere das eine, andere und dritte. allerdings war es kein kreis mit einer ausgefeilten gemeinsamen ästhetisierung, wir suchten nach der schönheit mit um den hals hängenden kameras, als wären wir aus verschiedenen ecken vom wind hierher geweht worden. alles empfundene musste durch reflexion verifiziert werden - die welt zu denken war für uns nicht weniger wichtig als die welt zu empfinden.
im schutz dieses in den duft der durch schwindende alte anstriche kaum noch imprägnierten holzmöbel gehüllten dachzimmers konnte vito das fotogene erscheinungsbild von koèevje erfassen. und diesen ausblick findet er jedes mal wieder, wenn er nach koèevje zurückkehrt. vitos beziehung zur aussicht aus seinem fenster war zunächst durch das entziffern von bildern geprägt; allerdings nahm er noch während er in koèevje lebte davon allmählich abstand. bei der identifikation seiner einstellung zum beobachteten half ihm auch der maler andrej trobentar - die entfernung wurde von vito zunehmend als eine methode eingesetzt, detaillierter zu sehen.
seine fotos sind schwarzweiß. dadurch werden verschiedene strukturen, die farbintensität, das alter und material der fotografierten gegenstände vereinheitlicht. fast immer handelt es sich hierbei um gegenstände, die er im monochromatischen bild als souveräner autor vom hintergrund abheben oder mit diesem verschmelzen kann. die proportionen in der fotografierten welt hat er völlig im griff. zufälle faszinieren ihn nicht als augenblicke, in denen er das flüchtige geschehen erhaschen und durch die aufnahme festhalten könnte. zufälle bestimmt er selbst und seine aufnahmen sind deklarationen solcher zufälle, manifeste, die ohne die vermittlung seiner kamera nicht hätten offensichtlich werden können. als würde der ursprüngliche zufall gerade darin liegen, dass er selbst in diese stadt geraten ist, an diesen ort, unter solchen umständen. vitos fotografien streichen das marginale heraus, schreiben dem teilweisen die rolle des überdeckenden zu, benennen das namenlose, begeistern sich für das übergangene, nebeneineinder verbinden sie, was sonst nicht zusammen existieren würde.
die art und weise der änderung des blickwinkels, des maßstabes und das zoomen fassten auch in meinem schriftstellerstil fuss, wo sie als transvestien erschienen. im roman beschrieb ich im jahre 1988 die wandlung des bekannten zu unbekanntem, das zerrinnen des lebens zu einer mit der decke der enttäuschung verhüllten ungebundenheit, in einer landschaft, in der lärm von ohne wahren sieger endenden schlachten widerhallt. die beschriebene landschaft ist die materialistische region von koèevje, eine region von weiten und schweigsamen wäldern und palimpsestähnlichen siedlungsbildern, deren botschaften durch das häufige und der schrift nach so unterschiedliche abschreiben schon völlig unlesbar geworden sind. was ich von meiner umwelt hätte vererben können, war unbestimmbar; die umwelt, in der wir aufwuchsen, war entleert.
wir reiften in einer zeit ohne große interpreten heran, mit der möglichkeit von persönlichen deutungen. als hätte die geschichte inne gehalten, luft geholt. zum eigenständigen denken hat uns vor allem der philosophielehrer du¹an merhar inspiriert. den marxistischen kreis als eines der freiwilligen angebote am gymnasium hat er in einen tummelplatz von themen verwandelt, die nur selten in direkter verbindung zum marxismus standen. er half uns, eigene thesen zu entwickeln und lehrte uns den diskurs zu führen.
im jahr 1977 hatte sich vito zwar wegen eines ankündigungsplakats für die von uns organisierte veranstaltung „kulturmarathon“ zu verantworten, allerdings nur beim schuldirektor, nicht bei der polizei. auf dem plakat stand nämlich: "es lebe das freie und kreative arbeitervolk!" abgebildet waren hammer und sichel. vito wollte das verbürgerlichte proletariat wachrütteln, indem er die an sich schlummerne revolution radikalisierte. er wurde beschuldigt, mit den roten brigaden zu sympathisieren. als er gezwungen war, das plakat zu beseitigen, hängte ich meine version auf, mit einer so winzigen inschrift, dass man sich sehr stark nähern musste, um sie überhaupt lesen zu können. dadurch war wenigstens ein gewisses „engagement“ gewährleistet.
von 1980 bis 1982 suchten wir - vito, dado, rem¹ko, weiss, ana, uro¹, toma¾ und ich - mit dem kurzfilm "was tun, b. njatin" nach verborgenen botschaften. wir folgten der topografie der eigenen kunstprägung und versuchten uns im kolpa-tal zugang zu dem punkt zu verschaffen, den wir als zone der erkenntnis erahnten. ein roter punkt im objektiv zerstörte den film und machte es uns ein für alle mal unmöglich, klare leitlinien für das eigene schaffen außerhalb der eigenen person, auf dem verkarsteten boden der unberührten winkel unserer region zu finden.
vito hat später seine fotografische berufung in deutschland weiter gelebt, ich betätigte mich als schriftstellerin in ljubljana und neuerdings auch an anderen orten der welt. doch kann von uns keiner behaupten, wir wären emigriert.
meine mutter angela hatte immer den wunsch, in ihrem geburtsort unec zu bleiben, doch kehrte sie nach kriegsende in wirklichkeit nie mehr dorthin zurück, sie blieb in koèevje, wo sie ihre firma hinschickte, um ein neues geschäft zu eröffnen. unsere wohnung war eine zuflucht vor dem unerwünschten, meine mutter hat koèevje nie wirklich als etwas eigenes akzeptiert, denn ich besuchte erst mit meinen gymnasialfreunden die quelle zajèji studenec in dolga vas, die eishöhle und die höhle von ¾eljne, die ruinen von friedrichstein, und kostel, rajndol, die kolpa-quelle... ich habe allerdings die durch heim und herd geschaffene verankerung nie vermisst. indem ich meine eigenen fundamente aufbauen konnte, ohne jede wegzehrung meiner vorfahren, fand ich die für eine schriftstellerpersönlichkeit so willkommene freiheit.
auf streifzügen durch die wirkliche region von koèevje fanden wir eine eigene, fiktive region. wir zeichneten ein land auf der landkarte, das es dort nicht wirklich gibt. unser land hatte viele besucher. es nahm viel raum, natürlich geistigen raum ein. im jahre 1980 schufen vito, dado, ljubica, marincelj, weiss und ich eine informationsstation dieses landes als ausstellung in der galerie likovni salon: „dasevididasenekidela“ (umzuzeigendassetwasgemachtwird). die eröffnung fand während der feiertage zum 1. mai statt. das konzept war mehr als offensichtlich. und wieder gab es zusammenhänge mit anderen orten, sogar mit einer anderen zeit. es war eine hommage an die slowenische concept art gruppe oho, eine verneigung vor der beat-generation. in erster linie war es eine verlautbarung, dass wir aktiv gegenwärtig sind. dass wir eine kulturlandschaft erstehen lassen, die es ohne uns nicht geben würde.
unsere region wurde zu eng für die neugierde von vitos geist, er machte sich nach deutschland auf, um medienwissenschaft zu studieren. dort wurden die formate seiner fotos größer, so wie sich das feld seiner erkenntnis erweiterte. eine 3,60 x 2,50 m große, in jener zeit entstandene fotografie eines verhedderten gummibandes hängt heute in seinem büro, kann allerdings das grenzenlose von vitos bereitschaft, zunächst über die welt, in der er lebt, und dann über die eigene arbeit nachzudenken, kaum veranschaulichen. er gab ihr den titel: "je einfacher das ding, umso komplizierter das bild. je einfacher das bild, umso unaussprechbarer das wort." dieses foto fasse ich als sein programm auf. für ihn ist der vorgang des fotografierens wichtiger als die fotos, bei ihm hat also die methode vorrang vor dem gegenstand. die konzeptualisierungsleidenschaft teilte er in deutschland mit einem kreis der schöpfer der zeitschrift „vipecker raiphan“, einer zeitschrift für medien-transformation.
mit demselben eifer, mit dem er nur ihm deutliche zeichen identifiziert, interpretiert er diese zeichen und veranschaulicht sie für andere. seine fotos verschenkt er oft, nicht als denkmäler seines schaffens, sondern als intellektuelle herausforderung. und gerade deshalb gehen sie auch von hand zu hand - nicht weil sie unverständlich oder unerwünscht wären, gerade im gegenteil, weil ihre interpretation von einem besitzer zum anderen breiter oder abgeklärter wird. sie sind ein geschenk, das die wahrnehmung schärft und die lebendigkeit des denkens fördert. immer wenn vito nach koèevje kommt, sucht er seine gesprächspartner im früheren gymnasialkreis oder neue in ljubljana, dem sich koèevje inzwischen stark angenähert hat. vito ist sowohl der überbringer der frage, warum etwas so erscheint, wie wir es sichtbar finden, als auch der unterschiedlichen interpretationen dieser frage. für diejenigen unter uns, die mit der ästhetisierung des lebens nicht aufgehört haben, ist es eine anregung; für diejenigen, die sie aufgegeben haben, ist es eine mahnung.
seinen schwarzweißfotos hat vito in eigenen kurzfilmen oder durch die anwendung der fotokopiertechnik bewegung eingehaucht, wobei er sich zufälligkeiten erhoffte und sich über fehler freute. er versuchte, die bedeutungen auch durch die farbfotografie zu analysieren, doch währte dies so kurz, dass es mir nur gelang, ein einziges dieser fotos zu sehen: „no future“ mit dem blick auf die durch ein schnapsglas verzerrte nichtzukunft. er fügte sogar einen scharlachvorhang aus filz und eine goldkordel hinzu. etwas länger fesselte ihn die holografie. die holografische methode könnte eine parabel für vitos schaffen sein: der laserstrahl trifft auf einen gegenstand, der auf der reproduktion dann in erweiterten maßstäben zu sehen ist. genauso klopft vitos vernunft an das erscheinungsbild an und umarmt es, um in seine meist verborgenen seiten einblick zu gewähren. bei diesem unterfangen öffnete ihm die computertechnologie neue möglichkeiten.
monitor, holografie, fotokopierer, die glühbirne in der film- oder fotokamera - vito wird von lichtquellen gefesselt. das licht kann eine parabel für den originaltext sein, sie kann der energiesammelpunkt irgendwo in den wäldern der region sein, doch wird es wohl durch seinen persönlichen sinn für logik ausgestrahlt, mit dem im zusammenhang sich sonst unleserliche bedeutungen klar abzeichnen. eine von vitos frühen aufnahmen ist ein bildnis seines vaters du¹an. der vater im vordergrund, mit gebeugtem kopf, im halbdunkel, hinter ihm in der zweiten bildebene das licht, als wäre dieses das zentralmotiv. doch gibt es bei der aufnahme auch ein licht, das nicht auf dem papier festgehalten ist: das durch das objektiv der kamera eindringende licht, das emanationslicht. der fotograf vito ora¾em lässt mit dem blitzlicht das wirkliche und das fiktive verschmelzen. seine aufnahmen sind nicht ‚inklusiv’, sie kreieren etwas neu. so wie man die bedeutung nicht in einem, in zusammengefasster form, erfassen kann, sondern immer wieder und wieder versuchen muss, an vielen orten auf der ganzen welt, sie laufend zusammenzusetzten, immer anders und nie endgültig.
vito ist unermüdlich in der verwunderung angesichts des eigenen ansatzes. für ihn haben film, entwickler und fixierbad in koèevje eine besondere qualität. der großteil seines fotografischen werkes entsteht in koèevje. wenn ich seine fotos betrachte, kann ich mich stundenlang mit der entschlüsselung des verhältnisses zwischen dem gesehenen und dem fotografierten beschäftigen. ungeachtet aller reflexion von theorien und schöpferischen vorbildern lande ich schließlich immer bei der frage nach der reihenfolge: war zuerst das geistige bild da oder die wirkliche erscheinung?
was einst in unserem jugendlichen kreis im entstehen begriffen war, ist heute die wiege unserer identität. vito machte das erste künstlerische bildnis von mir. es besteht aus zwei fotos. auf dem ersten halte ich irgendwo bei stru¾nica die rinde eines angefaulten baumstumpfes vor das gesicht. manchmal sehe ich darin eine maske, dann wieder ein brevier. auf dem zweiten foto bin ich in der nähe von fara mit ausgestreckter handfläche und einer nacktschnecke darauf zu sehen. ihre spur dürfte die spur der erinnerung sein, der ich beim schreiben des vorliegenden textes folge. in diesen zwei fotos ist unsere gemeinsame heimatverbundenheit festgehalten - auf der einen seite des objektivs er, auf der anderen ich. koèevje, wie es mit bloßem auge nicht zu sehen ist, koèevje unserer werdung tragen wir immer mit uns, wo immer wir sind; und kehren immer wieder zu ihr zurück, wo immer wir sind, wenn auch nicht dort, wo sich die siedlung koèevje befindet.
koèevje ist ein name für das unsichtbare, doch wirksame. zu einer umbenennung ist es noch nicht gekommen.
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